Winterschlaf

eine Minigeschichte

Sie schaute hinauf zum Himmel. Wenn sie im Frühjahr hier gelegen hätte, hätte sie ihn nie gesehen. Ein dichtes, grünes Blätterdach hätte ihr die Sicht darauf versperrt. Dafür hätte das Sonnenlicht manchmal hindurchgefunkelt, wenn ein leichter Windhauch durch die Kronen ging.

Heute gab es kein glitzerndes Licht und auch keine Blätter mehr. Die Blätter waren gestorben und zu Boden gesunken, genau wie sie. Die Sonne war verhangen von schweren grauen Wolken, aus denen dicke weiße Flocken fast schwerelos herabschwebten. Sie konnte hören, wie sie ganz leise raschelten, wenn sie durch sie hindurch auf das tote Laub rieselten. Das war nur zu dieser ganz besonderen Zeit möglich, wenn der Wald schlief und alles still war.

Sie genoss ihren Tod. Sie liebte ihn zu dieser Zeit, wie in anderen Zeiten das Leben. Denn lebendig hätte sie jetzt auf dem kalten Waldboden wohl entsetzlich gefroren. Aber nun machte es ihr nichts mehr aus. Sie würde bald mit der Schneedecke verschmelzen, weiß und weich, aber auch kalt starr. Dann würde auch sie für eine Zeit lang vergessen, für eine Zeit lang nicht sein.

Erst in ein paar Monaten würden die ersten grünen Triebe durch sie hindurch wachsen, sie wieder vom Boden heben und erneut mit Leben füllen. Sie würde voller Leben aus den Knospen der farbenfrohen Blüten und zarten, jungen Blatttriebe platzen. Der Wind würde sie auf den Pollen der Blumen und Bäume durch die Luft tragen, sie überall zugleich hinbringen. Dann würde sie wieder alles fühlen, alles wissen, alles sein – alles was lebte.

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