Die Taufe

(Contenthinweis: Ich verwende in der Geschichte Elemente christlicher Mythologie in einer phantastischen Interpretation, die vielleicht nicht mit religiösen Vorstellungen konform geht.)

Als ich mich auf den Weg mache, regnet es. Mist! Das heißt der Saum meines schönen weißen Taufgewandes wird schmutzig sein, ehe ich in der Kirche ankomme. Egal, ich habe es eh nur angezogen um ihn zu provozieren. Dem Himmel ist es herzlich egal, was ich anhabe.

Kaum ist die Tür hinter mir ins Schloss gefallen kann ich ihn spüren. Er ist schon seit Wochen hinter mir her – seit er von meiner Entscheidung gehört hat. Der Teufel höchstpersönlich. Ich sollte mich von so viel Aufmerksamkeit geschmeichelt fühlen, hat Mama gesagt. Vielleicht würde ich das, wenn ich eine Hexe wäre wie sie. Aber das bin ich nur zur Hälfte. Meine andere Hälfte ist ein gefallener Engel. Und das ist genau der Grund, warum sich der Teufel in diesem Moment in meinen Nacken setzt – unsichtbar, nur als beklemmendes Gefühl. Dort wartet er erstmal ab, dass sich die Wirkung seiner Anwesenheit entfaltet. Das ist mehr als unangenehm. Ich seufze genervt auf und konzentriere mich darauf einen Fuß vor den anderen zu setzen.

Meine nackten Füße machen leise platschende Geräusche auf dem nassen Asphalt. Scheiße, ist das kalt! Vielleicht habe ich es mit der Unschuldsinszenierung etwas übertrieben. Aber es sind ja nur ein paar Minuten bis zur Kirche.

Natürlich fängt er auch noch an zu flüstern. „Ist das deine Art der Rebellion? Findest du es nicht kindisch? Glaubst du wirklich, es wird dir Spaß machen, all die Regeln zu befolgen?“

Ich versuche diese Verführerstimme auszublenden. Es gelingt nicht ganz, aber sie lockt mich auch nicht. Wie die Menschen nur immer darauf hereinfallen? Natürlich scheint es immer alles logisch und attraktiv, was er sagt: „Du hättest eine glorreiche Zukunft unter den Wesen der Dunkelheit vor dir. Halb Hexe, halb gefallener Engel. Alle Türen stehen dir offen.“

„Jaja, ich weiß“, nörgle ich genervt. „Geld, Macht, Rausch, Sex – alles, was die Menschen so geil finden, könnte ich haben, aber ohne den Preis, den sie dafür zahlen müssen.“ Ein Leben ohne Regeln, ohne Konsequenzen.

Aber das ödet mich an. Es ist langweilig bis zum Erbrechen. Kein Wunder, dass sich Unseresgleichen immer abartigeren Mist ausdenken muss. Ohne die Konsequenzen kickt es einfach so überhaupt nicht. Und Menschen beim Versagen zuzusehen? Das macht mich auch nicht an. Ich finde es eher bewundernswert, wenn sie es schaffen, all den Verlockungen zu widerstehen, die sich der Leibhaftige und seine Dämonen ausdenken.

„Alles, was der Himmel dir bieten kann, kannst du dir als Dämon auch erlauben“, wispert er weiter.

„Lass mich in Ruhe, Luzifer!“, blaffe ich jetzt. Er mag es nicht wenn ich ihn beim Namen nenne. Und normalerweise lenkt ihn das genug ab, um mir erst darüber eine Standpauke zu halten. Heute nicht. Es ist ihm wirklich ernst.

Und eins muss man ihm lassen: Die Bilder, die er nun vor mein geistiges Auge schiebt, während er unablässig weiterflüstert, sind unglaublich verlockend. „Schau dir an, was du haben könntest! Du müsstest nicht einmal hart dafür arbeiten. Die Macht eines Gefallenen und der Hexenfunke deiner Mutter könnten dir all das schenken.“

Ich hätte gedacht, er versucht es mit den üblichen Orgien, Reichtum und Ruhm. Aber er kennt mich mittlerweile tatsächlich besser. Er zeigt mir ein kleines Haus am Waldrand, wo ich in Ruhe und Frieden meiner Hexerei nachgehen könnte. Vor dem Gartentörchen warten Menschen, die zu mir kommen, um sich von meiner Magie helfen zu lassen – weiße Magie. An der Hauswand hängen nur Kräuter, die für Schutzzauber verwendet werden, keine Knochen oder tote Hühner und Ratten, wie am Haus meiner Mutter.

Er lässt eine Prozession dankbarer Gesichter an meinem geistigen Auge vorbeiziehen. „Sieh sie dir an, die Menschen, denen du helfen könntest. Für den Himmel müsstest du diese ganze Seite von dir verleugnen. Sie verbieten immer noch jegliche Magie. Das weißt du doch, oder?“

Ich beiße die Zähne zusammen. Er hat Recht. Wenn ich das hier durchziehe, werde ich mich den himmlischen Befehlen beugen müssen, auf die Entscheidung eines anderen vertrauen müssen. All meine Macht nur in diesen Dienst stellen. Nicht gerade das, was man auf der düsteren Seite der Anderweltlichen lernt. Es macht mir Angst. Aber ich versuche sie zu verscheuchen, indem ich an Manuel denke. Er hat mir nie etwas versprochen und dennoch konnte ich ihm immer vertrauen.

Als hätte er den Gedanken aus meinem Kopf gegriffen, lässt er als nächstes einen attraktiven, jungen Mann aus der Tür meines Traumhäuschens treten – nur ein einziger, statt die zahllosen, gesichtslosen Verehrer, mit denen er mich früher locken wollte. Mist, er hat wirklich dazugelernt, seit er angefangen hat mir zu folgen.

„Wusstest du, dass es einen Menschen gibt, der genau sein Gesicht hat?“, flüstert er sanft weiter.

Der teuflische kleine Werbefilm in meinem Kopf zoomt heran, damit ich das Gesicht meines potentiellen Mannes erkennen kann. Es ist Manuels Gesicht.

Fuck, verdammte Scheiße! Woher weiß er das? – Dumme Frage. Er ist der Teufel. Es ist sein verdammter Job meine Schwachstellen zu kennen. Ach und verdammt. Ich wollte mir doch das Fluchen abgewöhnen. Verd… Stop! Geht doch.

Zum Glück beginnt da vorn schon der alte, verrostete Friedhofszaun. Bald habe ich es geschafft. Ich gehe etwas schneller, aber ich renne nicht. Ich will ihm nicht die Genugtuung geben zu wissen, dass er mich doch etwas nervös macht.

„Er würde dich lieben, für immer nur dich.“

Damit hat er mich beinahe am Wickel, ausgerechnet mit meinem albernen Traum von Liebe. Ich weiß, es wäre nicht das, was ich wirklich will. Dennoch klingt es so wunderschön, sieht so einladend aus. Würde ich es wirklich bemerken, dass es nicht ganz echt ist? Menschen stellen sich das mit der wahren Liebe immer so einfach vor. Aber das ist es nicht. Wahre Liebe ist selten und sie ist immer in Haufen Arbeit. Die meisten helfen irgendwann mit ein bisschen Angst, emotionaler Erpressung oder materiellem Druck nach.

„Genau!“ zischt er triumphierend. „Wäre da ein kleiner Liebeszauber nicht ethisch viel vertretbarer? Völlig schmerzfrei und ihr wärt beide glücklich.“

Zur Hölle aber auch! Er ist tatsächlich in meinem Kopf. Und er hat recht: Für mich gäbe es keine Kosten, keine Konsequenzen für den Zauber: Liebe, die sich immer echt anfühlen würde. Außer – …außer – …ich versuche mich daran zu erinnern, was Manuel über die Wichtigkeit des freien Willens gesagt hat, versuche mich daran festzuhalten.

„Das willst du wirklich? Ein Leben lang – ein ewiges Leben lang die Gesetze des Himmels befolgen, nur für die Chance, ausgerechnet Michaels und Gabriels Jungen anzuschmachten?“ Seine Stimme wird jetzt ein klein wenig zorniger.

„Nein! Ich will Gutes tun“, gebe ich trotzig zurück, während ich das quietschende Tor zum alten Kirchhof aufschiebe. Und es stimmt. Manuel ist zumindest nicht der einzige Grund, warum ich auf die andere Seite wechseln will. Scheinbar erkennt er das, denn er wechselt blitzschnell das Thema.

„Dort wirst du niemand sein als die Tochter eines Verräters“, giftet er nun. Er klingt zischender, angestrengter, jetzt wo wir auf heiligem Grund sind. Aber es hält ihn nicht auf. Er hat immerhin einige seiner größten Erfolge auf heiligem Grund gefeiert.

„Das ist jetzt echt billig“, schnaube ich und sprinte nun doch die Stufen zur Tür hinauf. Scheiß drauf, ob er denkt, er hat mich gleich. Im Gegensatz zu den Menschen kenne ich seine Tricks wenigstens. Als ich durch die Flügel der Tür trete, fällt eine Last von mir ab. Ich kann mir ein Lächeln nicht verkneifen.

„Billig?“ Er lacht höhnisch auf. „Du bist gefallen geboren, von einer Buhle. Was glaubst du, welchen Stand dir das verschafft? Du wirst nie ein echter Engel.“

Von einer Buhle? Jetzt auch noch dämliche, mittelalterliche Ausdrücke. Vielleicht ist er doch mit seinem Latein am Ende. Der Gedanke lässt mich wieder ein Stückchen freier atmen. Aber ich will mich nicht zu früh freuen. Ich kann nicht sicher sein, ob es mein Glaube ist, der mich erleichtert, oder nur der dämonische Drang mich zu widersetzen, den ich eigentlich loswerden will.

Trotzdem kann ich mir meine siegessichere Antwort nicht verkneifen: „Mit der Taufe wird die Erbsünde von mir genommen, und dann bin ich technisch gesehen die Tochter eines Erzengels – nicht, dass das da oben eine Rolle spielen würde.“ Ich kann mich gerade noch zusammen reißen, ihm nicht die Zunge herauszustrecken. Hier will ich ja lernen, mich an die Regeln zu halten. Und ich will nicht schadenfroh sein. Ich will einfach nur etwas anderes als er. „Außerdem werde ich eh hier unten bleiben und als Schutzengel anfangen.“

Da vorn wartet der Pfarrer.

Und dahinter in den Schatten – mein Herz bleibt kurz stehen, nur um dann noch heftiger zu klopfen. In den Schatten steht Manuel. Er ist gekommen.

Seine Worte bei unserem letzten Treffen fallen mir wieder ein: „Ich kann dir nichts versprechen. Und selbst wenn ich es könnte, wäre das nicht gut. Das Versprechen eines anderen sollte nie der einzige Grund für eine Entscheidung des freien Willens sein.“

Das ist es, was noch auf mich wartet: Ein Leben voller Unsicherheit, ohne magische Kontrolle, ohne das Gefühl von Überlegenheit. Mein größter Wunsch.

In meinem Nacken zischt es wieder. „Das ist dein verdammter Ernst!“ Es ist keine Frage, sondern eine verblüffte Feststellung. „Und es ist nicht der Junge! Das hast du mich nicht sehen lassen.“

Ich drehe mich um. Da steht er. Mir wird tatsächlich die Ehre zuteil, dass er sich materialisiert – in seiner liebsten Form, als gefährlich schöner Verführer. Nur der verwirrte, ungläubige Ausdruck auf seinem ewig jugendlichen Gesicht, will nicht ganz passen. Wieder muss ich lächeln.

„Doch, es stimmt. Ich bin in Manuel verliebt“, gebe ich zu. „Aber er ist nicht der Grund, warum ich die Seiten wechsle. Ich will es selbst: ein Leben, in dem alles seinen Preis hat, in dem mein freier Wille auf die gleichen Proben gestellt wird, wie bei allen, die ihr Schicksal nicht mit einem Fingerschnippen ändern können oder wollen, während andere die Zeche zahlen.“

„Ich hätte nie eine Chance gehabt, dich umzustimmen und du hast es verborgen.“ Jetzt klingt er fast bewundernd.

„Ich hab vom besten gelernt.“ Ich schenke ihm ein süffisantes Grinsen, dass einem Sukkubus würdig wäre. Ich weiß, das Berufsbild hatte er sich eher für meine Zukunft vorgestellt.

„Und du konntest es nicht lassen, mir deinen Triumph hier an Ort und Stelle unter die Nase zu reiben.“ Er gibt tatsächlich einen guten Verlierer ab. Aber ganz wird er mich wohl nie verstehen.

„Nein, das war nicht der Grund. Ich wollte die Chance, dir auf Wiedersehen zu sagen.“ Und wo ich schon diese einmalige Gelegenheit habe, ziehe ich ihn in eine kurze, feste Umarmung. Dann drehe ich mich wieder um und gehe dem Taufbecken entgegen. Auf den letzten Stufen zur Altarebene drehe ich mich nochmal um und lächle diesmal aufrichtig. „Mach‘s gut, Papa.“

Diese Kurzgeschichte habe ich im Rahmen des #UrbanFantasyMonats auf Instagram geschrieben. Schau doch mal bei dem Hashtag oder auf meinem Profil vorbei!

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