Der Fluch des Drachenkaisers

Eine Hommage an das Genre der chinesischen Xianxia-Geschichten.

Der Fürst des Himmels war außer sich. Heute war die Feier zum Geburtstag seiner geliebten ersten Gemahlin AiLang und ihr gemeinsamer Sohn, der Thronerbe AoTai, war wieder einmal nicht auffindbar.

Er hatte es sich in einem Anflug altertümlichen Heldenmutes zur Aufgabe gemacht, irgendeine aus dem Dämonenreich entflohene Bestie zur Strecke zu bringen. Dabei mischten sich die Götter nicht mehr in die Belange der Menschen ein, seit diese mehrheitlich beschlossen hatten nicht mehr an die Unsterblichen zu glauben und sich stattdessen gänzlich auf ihre Wissenschaften zu verlassen.

Der Himmelsfürst ließ seinem Sohn für gewöhnlich seine jugendlichen Spielereien. Doch heute hätte der Junge bei der Feier als guter Sohn glänzen sollen. Stattdessen begrüßte nun sein älterer Halbbruder MengRui die ersten Gäste gemeinsam mit seiner Stiefmutter, AiLang. Als erste Gemahlin hatte sie den anderen Jungen genauso aufgezogen wie ihr eigenes Kind und er schien weitaus dankbarer und pflichtbewusster als ihr Leibliches. Doch als Sohn einer Konkubine niederen Ranges konnte er selbst kein Thronfolger werden, auch wenn er der Erstgeborene war.

„MengRui!“, rief der Fürst ihn zu sich. „Es freut mich deine Gewissenhaftigkeit als Sohn zu sehen, aber das hier ist nicht deine Aufgabe. Geh ins Reich der Sterblichen und suche deinen Bruder.“

Als MengRui bereits einige Tage später zurückkehrte, brachte er statt seines Bruders nur schlechte Nachrichten.

„Ich bin untröstlich Vater. Wir suchen ohne Unterlass. Ich unterbreche meine eigenen Mühen nur kurz, um euch Bericht zu erstatten: Weder ich noch einer meiner Männer konnten AoTai bisher ausfindig machen.“ Während er seine Untergebenen zwar noch weitersuchen ließ, wollte er selbst sichergehen, dass er wusste wie sich die Stimmung im Himmelspalast entwickelte und sie nötigenfalls zu seinen Gunsten beeinflussen. Doch was sie bisher gefunden hatten, würde dem Vater nicht gefallen. „Es scheint als sei er möglicherweise schwer verwundet worden, als er gegen die Sturmbestie kämpfte. Wir fanden nur deren Leichnam, aber ringsum wurde auch viel göttliches Blut vergossen. Wir hoffen, er hat bei den Menschen Unterschlupf gefunden, doch es könnte auch sein, dass er… Es war wirklich sehr viel Blut und es war sicher seines.“ Zum Beweis zog er ein abgerissenes Stück Stoff hervor, das gänzlich mit Blut durchtränkt war und unverkennbar von dem Gewand stammte, mit dem AoTai den Palast verlassen hatte.

In Wirklichkeit war MengRui aber keinesfalls gänzlich untröstlich. Denn im Gegensatz zu seinem Bruder, der viel lieber bis in alle Ewigkeit Heldentaten vollbracht hätte, hatte er durchaus Interesse am Thron. Sein Vater würde niemals zulassen, dass AoTai auf den Thron verzichtete. Das hatten die Brüder schon vergeblich versucht. Aber wenn der Kronprinz verstarb, gab es eine Chance für MengRui. Er liebte seinen Bruder und hätte nie selbst eine Intrige gegen ihn angezettelt, auch wenn seine Mutter ihn oft dazu drängte. Aber wenn dieser Draufgänger sich selbst aus dem Weg räumte, wäre ihm die Gelegenheit recht und der Thron wäre hoffentlich ein angemessener Trost für den tragischen Verlust seines Bruders.

Sein Vater jedoch erzürnte beim Anblick des blutdurchtränkten Gewandfetzens noch mehr.

„Wie ist das möglich? Wenn er so schwer verletzt war, kann er sich ja unmöglich vom Ort des Kampfes fortbewegt haben“, rief er aufgebracht.

MengRui überlegte, wie er am besten von seinem eigenen Versagen ablenken konnte. Er könnte versuchen es den Dämonen in die Schuhe zu schieben. Einen weiteren Krieg mit der Unterwelt zu riskieren, schien ihm jedoch nicht klug. Diese Angelegenheiten endeten meist zu unerfreulich für beide Seiten und konnten sich über Jahrzehntausende hinziehen. Er zog es vor den Thron in Frieden zu besteigen. „Vielleicht haben ihn Sterbliche gefunden und – wer weiß, was sie mit ihm angestellt haben. Sie erkennen uns ja nicht einmal mehr, seit sie nicht mehr an uns glauben.“

Damit traf er genau den Nerv, der bei seinem Vater ohnehin blank lag. Über die mangelnde Ehrfurcht der Sterblichen erboste der sich bekanntermaßen schon länger.

„Sie werden es nicht wagen den Kronprinzen des Himmels mit ihren dreckigen Fingern anzurühren!“, donnerte er. „Geh sofort zurück ins Reich der Sterblichen und tu, was immer du musst um deinen Bruder zu finden!“, befahl er dann.

Weiter vor Wut schnaubend zog er ein handgroßes Siegel aus schwarzer Jade aus dem Ärmel und hielt es seinem Sohn hin. Im ersten Augenblick dachte MengRui, es handle sich um eines der Siegel, die ihm den Befehl über einen Teil der himmlischen Armee übertragen würden. Doch dann sah er die eingeritzten Zeichen: „Fluch des Drachenkaisers“. Überrascht zog er die Brauen hoch. Er hatte schon von diesem mächtigen Artefakt gehört. Es war einst von einem der mächtigsten Unsterblichen geschaffen worden und konnte Unheil über ein ganzes Reich bringen. Der Überlieferung nach war es erschaffen worden, als eine letzte Geheimwaffe um das Reich der Dämonen zu stürzen, als die Lage in einem der Kriege besonders ausweglos aussah. Doch nun, so schien es, wollte der wutentbrannte Himmelsfürst, den mächtigen Zauber nutzen, um seinen Sohn zu rächen.

„Wenn du erfährst, dass es am Ende tatsächlich diese unverschämten Sterblichen waren, die es gewagt haben, dem Thronerben zu schaden, dann zerbrich dieses Siegel mit deinem Schwert und entfessle den Fluch über dem Reich der Menschen. Ein Jahrtausend in Gefangenschaft, in Krankheit und von Todesangst gelähmt sollen sie erleiden! Alles, was sie erfreut soll, ihnen genommen werden! Ersticken sollen sie an ihrer Unverfrorenheit! Das wird sie lehren, sich uns gegenüber respektlos zu verhalten.“

AoTai hätte in diesem Moment seinem Vater im Namen der Menschen widersprochen, hätte versucht für sie zu verhandeln. MengRui aber neigte den Kopf und akzeptierte den Befehl des obersten Herrschers des Himmels. Er würde sich niemals den Befehlen oder den Gesetzen des Himmels widersetzen.

Als er in das Reich der Sterblichen hinabschwebte, erwartete ihn schon sein treuster General.

„Mein Prinz, es ist ärger als wir befürchteten: Es scheint, der Kronprinz konnte durch seine Verwundung nicht mehr seine menschliche Gestalt annehmen und wurde wahrhaftig von Menschen gefunden.“

Das war wirklich übel. In seiner mächtigsten Gestalt war AoTai ein goldener Drache. Wenn die Menschen ihn in ihrer Sensationsgier verschleppt hatten, konnte das nur schlecht ausgehen.

„Sie haben ihn gefangen? Und was haben sie mit ihm gemacht? Sie – erforschen ihn doch nicht etwa, oder wie auch immer sie das nennen.“

Das würde er seinem Bruder nun wahrlich nicht wünschen. Die wissenschaftlichen Prozeduren, welche die Menschen Forschung nannten, waren reinste Folter für ein unsterbliches Wesen. Und wenn er so geschwächt war, wie die Kampfspuren bei der Bestie es vermuten ließen, dann könnten sie ihn am Ende tatsächlich töten.

„Schlimmer noch, mein Prinz! Sie haben ihn gar nicht als Drachen erkannt. Unsere Männer haben herausgefunden, dass sie ihn wohl für einen Pangolin hielten und ihn zum Verkauf auf einen Fleischmarkt brachten.“

„Wo ist das? Bringt mich sofort dorthin!“ Nein, das wäre ganz und gar keine gute Lösung, dachte MengRui entsetzt.

Der Himmelssoldat tat wie ihn geheißen, obwohl jede Hilfe zu spät kam. Die Verkäuferin, die den vermeintlichen Pangolin an ihrem Stand angeboten hatte, gab auch dem Prinzen die Antwort, die sie schon seinen Leuten gegeben hatte: „Ich versichere Ihnen, es kommt selten vor, dass ein Tier noch lebend hierhergebracht wird, aber manche Kunden mögen sie ganz frisch, wissen Sie. An das Vieh von vor vier Tagen erinnere ich mich noch gut. Den wäre ich fast nicht losgeworden, weil er schon so übel zugerichtet aussah.“ Dann brach sie abrupt ab. „Sagen Sie mal sind Sie von der Gesundheitsbehörde? Sie sind schon der Zweite, der danach fragt. Das Tier war nicht krank, nur verletzt. Da bin ich ganz sicher. Ich hab der jungen Frau gesagt sie muss ihn gut durchkochen und sie hat mir versichert, dass er noch am selben Tag im Topf landet. Bei mir ist alles sauber“, bemühte sie sich den seltsamen Herrschaften zu versichern. Wie alle modernen Menschen konnte auch sie die Unsterblichen, die vor ihr standen, nicht als solche erkennen.

MengRui hätte später nicht sagen können, ob es seine Gier nach der Thronfolge war oder sein eigener Zorn darüber, dass die achtlosen Sterblichen seinen Bruder einfach gekocht hatten wie ein Stück Fleisch. In jenem Moment war es auch einerlei. Es war ihm auch gleich, was die ungläubigen, menschlichen Augen aus der Szene machen würden, die sich ihnen nun bot.

Er zog sein Schwert und holte das Siegel des Drachenkaisers hevor, das er sogleich hoch in die Luft warf. Mit einem kräftigen Streich zerschlug er es mitten in der Luft in tausend Stücke. Vor seinen Augen explodierte die schwarz glitzernde Jade und der Fluch begann sich zu entfalten, wie schwarzer Rauch, der sich langsam aber unaufhaltsam durch das ganze Menschenreich wälzen würde. Es würde dauern, bis die Menschen ihn überhaupt bemerkten. Sie nahmen die Zeit ganz anders wahr als die Götter. Doch für die Unsterblichen war es nur ein Augenblick. Sein Vater würde nicht lange warten müssen um den Lieblingssohn gerächt zu wissen, wenn das Leid des Fluches über das Reich der Sterblichen hereinbrach. Und hoffentlich würde der verbleibende Sohn in seiner Achtung steigen.

Es dauerte nur wenige Tage, bis die Menschen die Auswirkungen des Fluches zu spüren begannen. Sie wurden tatsächlich krank, manche erstickten gar. Daraufhin sperrten sie sich selbst ein, sodass ihnen kaum etwas blieb, woran sie sich freuen konnten. Doch niemand erkannte es als die Auswirkungen eines himmlischen Fluches. Eine Krankheit sollte es stattdessen sein.

Und so erkannte auch Li ShuBai nicht, dass es eine ganz besondere Macht war, die sie vor den schlimmsten Auswirkungen des Fluches bewahrte.

„Wir dürfen die Wohnung nicht mehr verlassen, kleiner Pangolin“, murmelte sie sanft, während sie den Käfig mit dem genesenden Tier zur Fensterbank trug, damit ihr neuer kleiner Freund etwas Licht abbekam. „Nicht mal zur Arbeit darf ich noch gehen, weil sie verhindern wollen, dass sich dieses neue Virus weiter ausbreitet. Aber das heißt, ich habe auch mehr Zeit, mich um dich zu kümmern und dich gesund zu pflegen. Was habe ich für ein Glück, durch dich ein bisschen Gesellschaft zu haben und dass ich gerade noch genug eingekauft habe für die nächsten Wochen!“

Sie öffnete die Käfigtür und strich behutsam über den glatten Panzer des Tieres.

„Wie hübsch du bist. Im Sonnenlicht scheint es fast, als ob deine Schuppen golden schimmern. Ja, es wäre doch wirklich zu schade gewesen, dich zu kochen. Aber das konnte ich der Verkäuferin ja nicht sagen. Eine kleine Notlüge ist doch erlaubt, oder? Ich nenne dich JinLin, Goldschuppe. Du solltest froh sein, dass ich dich gekauft habe. Ich werde gut für dich sorgen.“

Der Pangolin rollte sich unter ihren sanften Händen zufrieden ein. So erinnerte er sie fast an das Bild eines schlafenden Drachen, das sie mal in einem Tempel gesehen hatte.

Fortsetzung folgt… vielleicht…

Möchtet Ihr wissen, wie es mit den Prinzen und dem Fluch weitergeht? Oder welche Rolle die nichtsahnende ShuBai noch spielen wird?

Sagt es mir in den Kommentaren!

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