Buchvergleich: romantische Erleuchtungsliteratur

„Untreue“ von Paulo Coelho und „Alles in Buddha“ von Victoria Seifried sind zwei Bücher, wie sie unterschiedlicher auf den ersten Blick nicht sein könnten.

Dennoch hatte ich nach dem Lesen den Impuls sie gemeinsam vorzustellen. Denn bei näherer Betrachtung behandeln sie den gleichen Themenkomplex, haben mich aber ganz unerwartet und sehr unterschiedlich angesprochen. Es geht in beiden um mehr oder weniger spirituelle Sinnsuche, Selbstfindung und nicht zuletzt um Liebe (auch und vor allem romantische).
Weitere Parallelen sind der Focus auf einer Protagonistin, die die typischen Erste-Welt-Probleme hat und sich sinnkrisenartig darin verstrickt. Diese Protagonistin begleiten wir dann beim Lesen durch ihre innere Entwicklung und beim Finden von Lösungsansätzen für ihre Krise. Auf diesem Weg möchte uns das Buch vielleicht auch ein bisschen Futter für unsere eigene Sinnsuche mitgeben.
Von derartiger Literatur gibt es ja mittlerweile so einige (Das autobiografische „Eat, Pray, Love“ fällt mir spontan ein) aber wir bleiben hier bei den beiden, die zufällig relativ zeitnah beieinander auf meinem Lesestapel landeten und einen so interessanten Kontrast gebildet haben, dass ich drüber schreiben wollte.

Denn während ich von dem sonst so gefeierten Coelho schwer enttäuscht war und ganz ehrlich selten ein schlechteres Buch gelesen habe, konnte mich die seichte, klamaukige Komödie von der Resterampe mit vernünftiger Entwicklung und unerwartetem Tiefgang überzeugen.

Die Autoren

Paulo Coelho…

…ist ein weltweiter Bestsellerautor und eine absolute Koryphäe auf dem Gebiet der Erleuchtungsliteratur, wie ich sie hier ganz flapsig getauft habe. Laut Wikipedia hat er die größte Fangemeinde in den sozialen Netzwerken. Und fast jede(r) ist dort vermutlich schon mal über ein erbauliches Zitat von ihm gestolpert. Die meisten Buchliebhaber werden von seinem Roman „Der Alchimist“ zumindest gehört haben. (Dieser steht trotz oder vielleicht gerade wegen allem, was ich gleich über „Untreue“ schreibe, noch auf meiner Leseliste.)

Da ich mich selbst viel mit spirituellen Themen befasse, wollte ich auch unbedingt mal ein Buch von ihm lesen. Statt das oben genannte, bekannteste Werk zu wählen, bin ich beim Stöbern in einem Buchladen über den Roman „Untreue“ gestolpert, der so schön provokant und interessant klang.

Victoria Seifried…

…ist eher unbekannt und wahrscheinlich gar nicht bekannt außerhalb des deutschsprachigen Raumes. Sie schreibt (zumindest unter diesem Namen) eher seichte Liebeskomödien. Das musste ich natürlich googlen, weil ich ihren Roman „Alles in Buddha“ nur zufällig in einer dieser Mängelexemplarkisten gesehen habe und ihn nur mitgenommen habe , um mal wieder was Leichtes für einen entspannten Nachmittag zu haben. Aber auch hier hat mich spirituelle Thematik, neben dem Eindruck einer leichtverdaulichen Romanze, dazu angeregt, das Buch zu kaufen.

Der Vergleich

Wie schon erwähnt geht es in beiden Büchern, um eine Frau mit typischer Erste-Welt-Sinnkrise.

In „Untreue“ …

…begleiten wir Linda, Anfang dreißg, Ehefrau, Mutter und erfolgreiche Journalistin, die mit ihrem perfekten, enorm privilegierten Leben in Genf unzufrieden ist und sich selbst eine Depression diagnostiziert. Als Fachfrau kann ich hier nur sagen: Nö! Die Frau hat mit Sicherheit Probleme, aber eine Depression ist das nicht. Am ehesten würde ich noch auf eine Anpassungsstörung in Form einer Midlife-Crisis und/oder Liebeswahn tippen. Dabei ist sie allerdings völlig vernunft- und therapieresistent und so unsympathisch, dass ich mir eine etwas unprofessionellere Beschreibung nicht verkneifen kann: Ganz ehrlich, ich tue mir als emanzipierte Frau mit psychologischer Ausbildung extrem schwer damit, eine, wenn auch fiktionale Geschlechtsgenossin mit dem Wort hysterisch zu titulieren, aber meine Fresse! Wenn es das Wort nicht schon gäbe, man müsste es für die Protagonistin dieses Romans erfinden:
Denn Linda begibt sich in der Geschichte auf einen – nein sie steigert sich mit aller Gewalt in einen dreihundertseitenlangen, hysterischen Egotrip hinein, auf dem sie rein gar nichts dazulernt. Mit Sicherheit sind einige Gedankengänge realistisch und man hat sich selbst schon mal bei Ähnlichem ertappt. Aber man entwickelt einen dermaßenen Widerwillen gegen jegliche Identifikation mit dieser unsympathischen Figur, die so viele richtige Erkenntnisse hat, die sie ohne Grund oder irgendeine verständliche Motivation ignoriert, dass man sich spiegelhaft weigert, irgendetwas aus diesem Buch mitzunehmen, genauso wie sie sich weigert irgendeinen vernünftigen Gedanken als verhaltensleitend zuzulassen. Das wiederum wäre ja immerhin ein psychologisch-literarischer Erfolg, wenn das die Intention des Buches wäre.
Doch am Ende kommt eine völlig ernstgemeinte, erzwungene und abgeschmackte Erleuchtungsszene, wie sie klischeehafter nicht sein könnte.

Vorsicht Spoiler:

Linda macht einen Paraglidingflug mit ordentlich Adrenalin und der Gelegenheit die Welt mal von oben zu sehen.

Danach bricht sie heulend und geläutert zusammen und sülzt noch eine Runde abgedroschene Floskeln über Liebe auf die Seiten.

Die innere Entwicklung und Erkenntnis, die die Protagonistin dabei angeblich erwirbt, kauft man ihr überhaupt nicht ab. Nach ihrer vorangegangenen Entwicklung würde man eher erwarten, dass sie, wenn der Roman noch weiterginge, spätestens zwei Seiten später auf die nächste beknackte Egotripidee käme.

Vorsicht Spoiler:

z.B. der Ehefrau ihres Geliebten Kokain unterzuschieben, um dessen Ehe zu zerstören oder, dass es irgendwie dazugehört, sich von besagtem Typen mal so richtig und mit sehr zweifelhaftem Einvernehmen in den Arsch ficken zu lassen. Sorry aber das ist die Originalhandlung dieses Buches.

Glücklicherweise endet das Fiasko aber hier.

Tragisch ist, dass sich durchaus so einige wahre Sätze und Weisheiten zwischen dem ganzen Wirrwarr in Lindas Kopf verstecken. In der Kombination mit dem ganzen anderen Mist, den sie sich so zusammenstoppelt und der hanebüchenen Handlung, gehen sie aber unter und wirken wie abgedroschene Binsenweisheiten bzw. eher wie eine unsortierte Sammlung von wiedergekäuten Coelho-Facebookzitaten ohne tieferen, sinngebenden Zusammenhang.

(Es tut mir auch wirklich leid als Schriftstellerin einen Kollegen dermaßen zu verreißen. Aber wenn man so gefeiert wird und dann so ins Klo greift, kann und muss man das aushalten – Nicht dass Coelho das hier jemals lesen würde…)

Die Protagonistin von „Alles in Buddha“ …

…ist anfangs ganz ähnlich aufgebaut: Voll in ihre Emotionen verstrickt, verstellt sich, um perfekt zu wirken und kommt auch auf die eine oder andere beknackte Idee. Das ist zum einen für eine Liebeskomödie eben auch völlig ok, zum anderen nimmt Protagonistin Mia sich dabei aber von Anfang an selbst nicht so ernst und kommt viel sympathischer daher. So fällt es einem viel leichter, über die anfangs nervigen Angewohnheiten und Ansichten hinwegzusehen und sich vielleicht auch etwas beschämt in einigen davon wiederzufinden.

Vorsicht Spoiler:

Mias Perfektionismus geht soweit, dass ihr langjähriger Freund bis zur Trennung weder ihre richtige Augenfarbe noch ihre Vorliebe für Fernsehserien kennt. Dazu dreht sie auf der Toilette den Wasserhahn auf, um ihre Pupse zu übertönen.

Außerdem hat sie mit einer Trennung und einer Kündigung wenigstens ein bisschen realistische Probleme. Dass sie da auf die impulsive Idee kommt mir ihrem besten Freund Hugo eine Weltreise zu machen und eine etwas absurde Wette abzuschließen ist durchaus verständlich. Auch ansonsten begnügen sie und Hugo sich mit realistischen Schnapsideen wie –

Vorsicht Spoiler

– wie ihren Ex mit einem Fake-Profil bei Facebook anzuschreiben oder als Mann an einem Wet-T-Shirt-Contest teilzunehmen.

Klar, über lange Strecken gibt es viel klamaukigen Humor und Reisebeschreibung. Das macht aber einfach Spaß, liest sich viel besser weg und ist interessanter als überflüssige Ansichten über Genf und seine Bevölkerung oder wie öde und deprimierend so ein Genfer Luxusleben zwischen teuren, japanischen Restaurants und philippinischen Hausangestellten ist (Ja, vielleicht fällt es einem als Durchschnittsbürger auch deshalb schwer, sich mit der Dame in dem anderen Buch zu identifizieren).

Denn trotz des ganzen Klamauks macht Mia erst ganz unterschwellig, dann immer deutlicher eine glaubhafte, nachvollziehbare Entwicklung durch. Dabei glaubt sie auch nicht einfach jedes mystische Geschwurbel, das ihr jemand vorbetet und manchmal agiert und reagiert sie auch weiter unvernünftig. Aber ihre Macken werden im Laufe der Zeit so erklärt, dass sie ins Bild passen und am Ende geht sie gereift und weiterentwickelt aus der Geschichte hervor, ohne bedeutungsschwanger zu behaupten, jetzt „die wichtigste Lektion“ erkannt zu haben oder „die Wahrheit gesucht und […] gefunden“ zu haben (Zitate, Linda in „Untreue“).

Ganz besonders schön fand ich vor allem das Kapitel „Buddhismus für Dummies“, in dem wirklich praktikabel, verständlich und alltagstauglich fernöstliche Philosophie erklärt wird. Das Ganze wird auch noch schön in den Fluss der Story eingebettet, ohne mit dem Zeigefinger zu wedeln oder zu sehr abzuheben.

Das war auch tatsächlich der Lesemoment, in dem mir das Coelho-Buch einfiel und mir der Kontrast zwischen beiden auffiel: Während ich von „Untreue“ so herbe enttäuscht wurde (und nicht nur was den Erleuchtungsanspruch bzw. die Message angeht, sondern auch von der Handlung, dem Gesamtkonzept, dem Schreibstil und der irrsinnigen Protagonistin), habe ich von „Alles in Buddha“ außer einem netten Lesetag auch spirituell viel mehr mitgenommen.

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